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Nachdenken über Harz IV
2018

Für alle Interessierten hier ein Update zum Beitrag von 2004. Natürlich stellt sich nach nunmehr fast 14 Jahren die Welt etwas abgeklärter dar. Wir haben unsere persönliche Balance wiedergefunden, auch wenn die 2004 beschriebenen Probleme nicht wirklich anders sind. Zwischenzeitlich ist es kein Geheimnis dass die soziale Schere in der Gesellschaft immer weiter auseinander geht. erst kürzlich wurde in einer bekannten Talkshow des ZDF ausgeführt, dass sich der einzelne der Tatsache stellen muss im Arbeitsleben keine Stabilität zu finden. Internationalisierung der Wirtschaft, Verlagerung von immer mehr Fertigung in das Ausland drängen immer mehr Menschen zeitweise oder ständig in das soziale Aus. Daran ändern auch sinkende Arbeitslosenzahlen nichts. Ein gewaltiger Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung ist mittlerweile als Leiharbeiter oder nur zum Mindestlohn beschäftigt. Das dieser Arbeitslohn nur ein Leben 2. Klasse gestattet sollte ebenfalls bekannt sein.

Das wir unsere persönliche Balance wiedergefunden haben ist der fleißigen Arbeit meiner Frau zu verdanken. Trotz aller Widrigkeiten und endlosen Absagen hat Sie für sich den Sinn im Leben wiedergefunden und das Beste aus der Situation gemacht.

Aber auch wenn man sich persönlich mit der gegenwärtigen Entwicklung engagiert, so mache Entwicklung in unserem Land sollte durchaus kritisch gesehen und verbessert werden. 

 

 

 

Nachdenken über Harz IV
27.08.2004


Ausgehend von einer unschönen Diskussion möchte ich nun doch einige Kommentare zu Hartz IV abgeben.
Zuerst unsere persönliche Situation.
Während ich das Glück hatte, meine Arbeit nach der Wende behalten zu können, verlor meine Frau nach einiger Zeit als Kurzarbeiterin die Ihre. Sie hatte sich seit 1986 in einem Fernstudium mit jeweils einem Tag Unterricht pro Woche und Vollzeitarbeit sowie der Betreuung unserer beiden 1984 und 1986 geborenen Söhne, den „Ingenieur für Walzwerktechnik“ hart erkämpft. Leider konnte Sie mit Ihrem Ingenieur aufgrund der politischen Veränderungen nichts mehr anfangen. Auch die nachfolgenden Qualifizierungen zur Wirtschaftsinformatikerin (= Programmiererin und Betriebswirtin) sowie Anwendungsprogrammierer brachten nicht wirklich einen beruflichen Durchbruch. Mit den beiden Kindern ist außerdem die Beweglichkeit eingeschränkt. (Warum schaffen sich Leute denn auch Kinder an ??) Wie dem auch sei, solange jemand noch eine Arbeit hat, wird er versuchen diese zu behalten.
1995 erhielten wir dann das Angebot, gemeinsam mit einem Ehepaar aus der Verwandtschaft, ein arg heruntergekommenes Grundstück mit zu erwerben. In Unkenntnis der tatsächlichen Belastungen schlugen wir ein, und machten uns ans Werk. Leider wußten wir vorher nicht, daß aus Sicht der Banken nur Familien mit zwei Verdienern das Privileg haben, ein Haus zu bauen. Nachdem uns die Bank bei dem Versuch, einen Modernisierungskredit zu bekommen, klarmachte, daß wir – nach ihren Berechnungen - mindestens 200 DM Schulden monatlich machen müßten, mußten wir andere Möglichkeiten suchen. Aufgrund der jahrelangen Haushaltsbuchführung und dem sehr guten Wirtschaften meiner Frau, schafften wir es dann trotzdem innerhalb von 3 Jahren und mit einem geringen, unseren Verhältnissen angepaßten Kredit einer anderen Bank, unser Haus fertigzustellen. Allerdings nur, indem wir fast alles in Eigenleistung allein fertig stellten. Leider haben wir nicht beachtet, das ein Grundstück so außerhalb vom Schuß und mit einem so geringen Bodenpreis, nicht mehr verkaufbar sein wird, zumal ideelle Anteile noch einer anderen Partei gehören, und keine Verkehrsanbindung besteht.
Aber jetzt genug der Vorrede.
Bis dato erhielt also meine Frau noch etwas Arbeitslosenhilfe, obwohl ich nicht schlecht verdiene. Ursache ist vor allem, das wir noch zwei fast erwachsene Kinder in Ausbildung haben. Außerdem wurde uns der Aufwand für die Altersvorsorge zugute gehalten.
Nach der Hartz IV Reform wird uns weitere Unterstützung sicher versagt. Denn plötzlich ist jegliche Altersvorsorge (außer Riester, die wahrscheinlich zur späteren Versteuerung der Altersbezüge führt) nicht mehr ohne weiteres möglich. Außerdem ist unser Grundstück sicherlich zu groß und wir besitzen zwei Autos.
Da wir das so hart erarbeitete Grundstück natürlich nicht aufgeben wollen, zumal die Chancen zum Verkauf schlecht stehen, und für die andere Partei, eine mittlerweile alleinstehende Rentnerin, eine Katastrophe darstellen, ist klar, was Hartz IV für uns bedeutet.
Das zweite Auto zu verkaufen, ist für uns mit deutlichen Problemen verbunden. Nicht daß man nicht ein Auto verkaufen und bei Bedarf wieder kaufen kann, aber entweder fährt mich meine Frau den größten Teil der Woche zur Arbeit und holt mich wieder ab (natürlich verbunden mit enormen Mehrkosten für Sprit), oder die normalen Erledigungen einer Familie sind nicht zu bewältigen. Aufgrund meiner Arbeit, liegt mein Feierabend deutlich nach den Öffnungszeiten der Läden und erst recht der Behörden. Und ständig nur an der Tankstelle einkaufen gehen, ist sicher auch keine Lösung.
Dazu kommt, daß der Bedarf unserer Kinder ständig steigt. Aber man möchte der Jugend doch eine angemessene Zukunft einschließlich Studium oder vernünftiger Ausbildung garantieren.
Auch wenn die Vorrede sicherlich als Gejammer etc abgetan wird, ist es doch eine sachliche Schilderung unserer Situation.
Natürlich gehe ich davon aus, daß wir den Verlust von etwa 1 / 4 bis 1 / 5 unseres Familieneinkommens verkraften werden, die Hartz IV uns beschert. Dennoch sind einige Überlegungen anzumerken.
·             Offensichtlich hat man sich Familien mit einem Alleinverdiener als Zielgruppe für den Sozialabbau ausgesucht.
Den Rentnern war nicht schon wieder eine Kürzung zuzumuten.
An Doppelverdiener kommt man nur über Steuern ran. Steuererhöhung ist aber schlecht für das nächste Wahlergebnis.
Familien mit zwei Arbeitslosen kann man de facto nichts mehr wegnehmen.
·             Die Altersvorsorge für diese Familien wird aufgrund des einseitigen Sozialabbaus deutlich zurückgedrängt. Ebenso das Privateigentum. Offensichtlich haben Menschen in dieser Lebenslage doch nicht das gleiche Recht wie andere.
·             Neue Arbeitsplätze werden mit der Reform nicht geschaffen. Zumindest im Osten bauen Großfirmen deutlich Arbeitsplätze ab, während kleine Firmen bei schlechter werdendem Binnenmarkt noch stärken leiden. Damit wird sich der Trend zur Erhöhung der Arbeitslosenzahlen wohl fortsetzen. Bereits bei den derzeitigen Steigerungsraten in diesem Bereich kann man nicht von der Faulheit der Leute sprechen. Billigjobs werden außerdem weitere Vollzeitarbeitsplätze kosten. Welcher vernünftige Unternehmer wird denn die Chance verpassen, die gleiche Arbeit für weinige Euro pro Stunde erledigen zu lassen?
Ich bin also gespannt, woher neue Arbeitsplätze kommen sollen. Ausreichend bezahlte schon gar nicht.
Wenn ich meine Überlegungen zusammenfasse, stelle ich fest, daß es sich bei Hartz IV um einen einseitigen Sozialabbau zu ungunsten der Zielgruppe „Familien mit Alleinverdiener“ handelt. Auch wenn man das Solidarprinzip innerhalb der Familie zugrundelegt. Gegenüber anderen Zielgruppen wie „Pensionären“, „Doppelverdienern“ „Alleinverdienern mit Mietwohnung und nur einem Kind“ etc. trifft der Verlust von Lebensstandart diese Gruppe gegenwärtig am härtesten.
Für mich persönlich heißt das, daß ich hinsichtlich dem Ergebnis meiner Arbeit, aufgrund meiner familiären Bindung vom Staat mit einem Sozialhilfeempfänger auf eine Stufe gestellt werde.
Und nun gibt es Leute, die aufgrund Ihrer persönlichen Situation zwar nicht von Hartz IV betroffen sind, aber meinen, genau beurteilen zu können, daß wir ja selbst schuld an unserer Situation sind. Schließlich verdient es ein Sozialhilfeempfänger ja nicht anders. Dabei übersieht man geflissentlich, das für viele, gerade langzeitarbeitslose Frauen die Suche nach einem Arbeitsplatz fast aussichtlichtlos ist. Auch wenn man sich viel bewirbt. Meist finden die Firmen eine passende Antwort, warum man nicht der geeignete Kandidat ist. Aber bei den Bewerberanzahlen je freie Stelle ist das kein Wunder. Vor einigen Tagen habe ich im Fernsehen von der Vorsitzenden der CDU gehört, dass zur Zeit in Deutschland ca. 1000 Arbeitsplätze je Tag abgebaut werden. Vielleicht sind das ja die erhofften Erfolge der Hartz- Reform und nur wir verstehen diese nicht richtig zu werten.
Mit den Jahren hat sich meine Frau umfangreiche Kenntnisse bei der Gestaltung von Präsentationen, unserer Homepage sowie anderen Dokumenten erarbeitet. Außerdem schreibt sie sehr schnell und fehlerfrei. Es ist schade, dass dieses Wissen keinem Unternehmen zugute kommt. Doch vielleicht klappt es ja irgendwann doch einmal bei einer Bewerbung?
Aber da ich optimistisch bin, denke ich, daß wir diesen Abbau von Lebensstandart auch meistern werden. Aber vielleicht sollte man einige Leute beim „Reformieren“ zuungunsten einer anderen Zielgruppe dann daran erinnern, daß Sie ja auch selbst schuld könnten an Ihrem Dilemma. Oder?
 Manfred Zahn, 27. August 2004
 Anmerkung des Verfassers: Etwaige Überspitzungen bitte ich zu entschuldigen, da diese aus den momentanen Empfindungen des Verfassers resultieren und nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben.